Schall und Rauch

Istanbul, 23. Mai 2010
In Bozen bin ich in einem Kunstmuseum gelandet. Ich musste schon mittags aus meinem Hotel aus-checken, mein Zug ging erst am Abend. Mein rechter Schuh hatte ein Loch, es regnete in strömen. In Berlin traf sich meine damalige Freundin an diesem Tag mit einem anderen Mann. Ich wusste es noch nicht, es war der Beginn des Endes unserer Liebe, einer Liebe an die ich fest geglaubt hatte. Die Trennung dauerte fast 1 1⁄2 Jahre, sie war so schmerzvoll, dass ich unsere gesamte Zeit davor dafür geben würde, sie nicht erlebt zu haben.
Im Bozner Museum für moderne und zeitgenössische Kunst gab es eine Ausstellung, die sich der New Yorker Band "Sonic Youth" widmete. Sonic Youth waren die Helden meiner Jugend. Ich lies mir eine Führung durch die Ausstellung geben. "Das sind die Mitglieder der Band", sagte die junge Frau, die die Führung gab und deutete auf ein Plakat inmitten zahlloser Plakate, mit der eine Wand der Eingangshalle des Museums tapeziert war. Das gleiche Plakat hing fast 20 Jahre früher, als ich noch bei meinen Eltern wohnte, in meinem Kinderzimmer in Schwandorf. Es war das einzige Plakat einer Band, das ich aufgehängt hatte. Sonic Youth war mein Fenster in die Welt gewesen.
Vor einigen Tagen haben wir mit dem Besitzer des Restaurants "Hamdi" ein Interview geführt. Das Restaurant liegt am Eminönü-Platz, es hat einen wunderbaren Blick auf die Galata-Brücke. Heute kamen wir vorbei um Baklava zu essen. "Schau dir den Raum im ersten Stock an", sagt Berke als sie von der Toilette kommt, "ein toller Blick auf die Brücke!"
In dem Raum ist ein Tisch aufgebaut, es sieht aus, als solle eine Pressekonferenz stattfinden. Auf dem Eminönü-Platz wurde in den vergangenen Wochen ein Kunstwerk, eine große Stahlplastik aufgebaut. Am Abend zuvor fand bei strömendem Regen vor 200 Zuschauern die Eröffnung statt. Eine Reihe von Künstlern haben Sound-Installtionen gemacht, die auf 60 Lautsprechen laufen, die in der Plastik angebracht sind. Francesca von Habsburg ist Kunstmäzenin und hat das Projekt ermöglicht. Sie klingt unendlich eitel und selbstverliebt, als sie später auf der Pressekonferenz spricht. "Die ist 2 Milliarden schwer", raunt mir ein Fotograf zu. Der Satz erinnert mich Bayram, den Papiersammler, der, wenn er von Geld spricht, auch immer von Millionen und Milliarden redet. Er rechnet noch im alten Geld, das vor fünf Jahren im Verhältnis 1 zu 1 Million umgewandelt wurde.
Lee Ranaldo sitzt auch auf dem Panel und sagt freundliche Worte. Lee Ranaldo ist Gitarrist von Sonic Youth. Lee Ranaldo ist Held meiner Jugend. Nach der Pressekonferenz traue ich mich nicht so recht, ihn anzusprechen. Was soll ich sagen? Sonic Youth hat einen Künstler aus mir gemacht? Was soll er sagen? Herr Thalhofer, wir haben auf sie gewartet? Lee Ranaldo tippt auf seinem Mobiltelefon herum. Ich stehe wenige Meter von ihm entfernt. Er sieht alt aus. Er sieht aus wie mein Kunstlehrer auf dem Gymnasium. Ich spreche ihn nicht an, ich mache auf dem Absatz kehrt und gehe zu Ayse und Berke. Wir wollen zur Brücke um den Kiosk-Besitzer zu filmen.
Vor ein paar Tagen habe ich meine frühere Freundin aus der Liste meiner Facebook-Freunde gelöscht. Ein Versuch, die Gespenster aus der Vergangenheit zu vertreiben.
Plastik

Istanbul, 2. April 2010
Ich telefoniere mit Strasbourg. Ich telefoniere mit Berlin. Ich telefoniere mit Caracas. Ich telefoniere mit New York. Ich beantworte Emails aus Sydney, Montreal, Lissabon. Ein Mädchen aus Venezuela sagt, dass es an mich denkt. Ein Mädchen aus Berlin sagt, dass es an mich denkt. Ich denke an ein Mädchen aus Marokko, dass ich kürzlich auf dem Flug nach Madrid kennengelernt habe. Ich fahre mit dem Taxi. Die Produktionsfirma zahlt. Ich tippe Sätze in meinen Laptop-Computer. Ich trinke Wasser aus einer kleinen Plastikflasche. Ich esse mit einer Plastikgabel Salat aus einem Plastikschälchen. Ich schreibe Sätze in mein Notizbuch. Ich kopiere Daten von einer Festplatte auf die andere. Ich kopiere Daten von der Kamera auf den Computer. Ich organisiere die Daten neu und verbinde die Daten mit Daten von anderen Kameras, Tonaufnahmegeräten, Fotoapparaten. Ich kopiere die Daten auf Webserver. Ich beantworte Emails. Ich stelle Fragen. Ich bekomme antworten. Ich reorganisiere Informationen. Ich tippe Sätze in meinen Computer. Ich spreche mit Menschen. Ich habe zu wenig geschlafen.
Dann liege ich auf dem Bett in meinem Hotelzimmer und tippe wieder Sätze in meinen Computer. Die Sätze werden auf der Festplatte des Computers gespeichert und Sekunden später im Internet gesichert. Irgendwo auf einer Festplatte, irgendwo in irgendeiner Serverfarm, wahrscheinlich in Amerika. Mein Computer in Berlin schaltet sich jede Nacht automatisch ein, holt die neuen Daten aus dem Internet und kopiert sie auf seine Festplatte. Die Daten auf der Festplatte werden automatisch auf eine weitere Festplatte gesichert. Meine Sätze leben ein sicheres Leben. Kein Feuer, kein Wasser, kein Erbeben kann sie zerstören. Sie leben in vielen Kopien an vielen Orten. Vielleicht werden sie nie gelesen. Ganz sicher werden sie vergessen.
Feiern & Tanzen

Caracas, 7. März 2010
Jetzt weiss ich, woher die Musik kommt. Jetzt weiss ich auch, woher der Jubel kam, den ich vor zwei Nächten gehört habe. Um 4:30 Uhr bin ich davon wach geworden. So als würden Leute ausgelassen eine Band feiern, nur gab es da keine Musik. Ich habe es am nächsten Tag Freunden aus von hier erzählt, sie konnten es mir auch nicht erklären. Das hast du geträumt, haben sie gesagt. Ich war mir ganz sicher, dass ich es nicht geträumt habe. Jetzt höre ich wieder Jubel. Und auch Musik. Salsa oder Merenge, ich kenne mich da nicht genau aus. Südamerikanische Musik. Und wieder dieser ausgelassene Jubel. Von vielen Menschen.
Gerade bin ich hinausgegangen, ich musste mehrere Türen und zwei schwere Gittertore aufsperren, bis ich im Freien war. Ich bin aufs Dach geklettert um zu sehen, woher die Musik kommt. 100 Meter von hier, hinter einem leeren Grundstück und auf der andern Seite der Strasse ist ein Barrio. So nennt man die Slums in Caracas. Caracas ist eine der gefährlichsten Großstädte weltweit. So steht es im Willkommenssschreiben des Goethe-Instituts, das man mir am Flughafen in die Hand gedrückt hat. Und dann steht da noch 2 1/2 Seite lang eine Liste mit Warnungen aller Art. Ich wusste, dass es in der Nähe des Goethe-Instituts ein Barrio gibt, ich wusste nur nicht genau wo.
Die Nähe zum Barrio ist gefährlich. Ich bin angehalten, für den Weg zum Restaurant, das 250 Meter entfernt liegt, nach Einbruch der Dunkelheit ein Taxi zu nehmen. Jetzt ist es Sonntag Nachmittag, helles Tageslicht. Ich möchte die Strasse hinuntergehen um zu sehen, ob ich von dort einen Blick ins Barrio zu werfen kann, die Menschen zu sehen, die offensichtlich so viel Spass haben. Doch der Pförtner, der das letzte große Metalltor öffnen kann, ist nicht an seinem Platz, ich kann ihn nirgends finden.
Die Freiheit ist anderswo.
Fliegen

Berlin - Frankfurt, 21. April 2009
Mir gegenüber im Zug sitzt eine Frau, einfach gekleidet, vielleicht 50 Jahre alt. Sie trägt einen großen Stein an einem Lederband um den Hals. Sie sieht weich aus, friedlich... ich stelle mir vor, wie sie einem kleinen Haus wohnt, unaufgeregt, am Abend Fern sieht. Vor mir auf dem Tisch meine Kamera, mein i-Pod-Touch, mein eitles, kleines Notizbuch. Ich verliebe mich ein wenig in den zufriedenen Blick dieser Frau, vor ihr nur ein zerknittertes Zugticket aus dem Automaten. Für einen kurzen Moment treffen sich unsere Blicke. Nur eines ihrer Augen bewegt sich, das andere ist starr. Sie schaut aus dem Fenster nach oben, so als würde sie die Wipfel der vorbeifliegenden Bäume betrachten. Doch sie blickt noch nach oben, als der Zug den Wald schon längst wieder verlassen hat. Der Himmel ist gleichmässig grau.
Gerichtsmedizinische Obduktion
Leipzig, 19. Januar 2006
Ich habe noch nie einen toten Menschen gesehen.
Die Leiche eines jungen Mannes, 27 Jahre, meine Statur, wird geoeffnet. Ein schaebiger Raum mit schmutzigen Fenstern und gesprungenen Kacheln. Angerostete Metallschraenke. Ich habe lange Zeit gebraucht, bis ich den Mut hatte, meinen Blick auf die nackte Leiche zu richten.
Eine bulliger, ziemlich unansehnlicher Mann mit kleinen Augen und fliehender Stirn ist fuer alles handwerkliche zustaendig. Hat Bauch und Brust aufgeschnitten und mit einer schweren Schere die Rippen durchtrennt. Hat mit einem Schoepfloeffel das Blut aus dem Brustraum in Messbecher geschoepft. 2 1/2 Liter lang.
Der Koerper ist kein Mensch. Die Haut nur Huelle, die man wie ein Kleidungsstueck abstreifen kann. Der Inhalt banal und bekannt. Alle Organe habe ich schon beim Metzger in der Auslage gesehen. Ich dachte, der Mensch ist kompliziert, undurchschaubar. Und doch nur eine kleine Zahl verschiedener Organe. Jeder Automat gleich. Keine Mystik. Ein unangenehmer Geruch. Die Organe werden mit vorgeschriebenen Schnitten zerteilt um daraus zu lesen. Um auf Krankheitsbilder zu stossen. Auf Anomalien.
Das Gehirn ist von allen Organen das schoenste. Das Grau und Weiss, zarte Strukturen. Ein Menschenleben, Erinnerungen und Gefuehle, Triebe, Schuld liegt auf einem abgenutzten Edelstahltisch. Ein Medizinstudent schneidet das Organ in Scheiben.
Man ist ein anderer Mensch, wenn man so etwas gesehen hat, wird Lucie spaeter sagen, und, dass jeder Mensch so etwas mal gesehen haben sollte.
Ich fuehle mich schuldig. Als haetten mich meine Elten erwischt, wie ich Pornobilder ansehe. So als wuerde ich etwas sehen, was ich nicht sehen duerfte. Und doch ist es gut. Es ist ein von der Erkenntnis probieren.
Weisse Wuerste

Berlin, 14. Dezember 2005
Samstags gab es frueher immer Weisswuerste. Zum Mitagessen. Ich habe die Weisswuerste gehasst. Freitag Nacht war ich immer mit meinen Freunden unterwegs. Am Samstag um zwoelf Uhr rief mich meine Mutter zum Essen. Der Kopf schmerzte, mir war kotzuebel. Weisswuerste isst man mit suessem Senf. Dazu eine Breze mit Butter. Der Bayer in der Werbung trinkt ein Glas Weizen-Bier dazu. Ich trank Milch.
Seit 13 Jahren lebe ich in Berlin. 450 km weit weg von Schwandorf, von da, wo ich her bin.
Jetzt kann man auch in Berlin Weisswuerste kaufen. Es sind die selben Weisswuerste, die ich frueher nicht mochte. Die Schwandorfer Metzgerei Wolf hat expandiert. Sie hat einen Laden aufgemacht, im funkelnagelneuen Shopping-Center am Potsdamer Platz. Und nicht nur Weisswurste gibt es da. Man kann auch eine Leberkaesesemmel essen. Da wird so einem wie mir immer ganz weich ums Herz....
Fuer eine wolfsche Leberkaesesemmel haben wir in den Pausen immer illegal die Schule verlassen. Denn auf der gegenueberliegenden Strassenseite war die Metzgerei. Jeden Tag eine Heldentat.
Der Profi besteht beim suessen Senf uebrigens auf Händlmayer-Senf. Der kommt aus Regensburg, und den gibt es sogar in New York, im exklusiven Feinkostgeschaeft Dean & Deluca in Soho. Im den Potsdamer-Platz-Arkaden ist er billiger.
Artloecher
Amsterdam, 28. November 2005
Ein indisches Restaurant in Amsterdam. Das Essen ist teuer, die Portionen klein. Ein Handwerker verlegt ueber unseren Koepfen ein Telefonkabel. Mir gegenueber sitzen drei Kuenstler. Es wird das unisperierteste Tischgespraech meines Lebens. Jeder der drei nur in der Lage in kryptischen Saetzen ueber die eigene Arbeit zu sprechen. Schlaue Worte, die keinen Sinn ergeben. Jeder hoert niemandem zu.
Vorstadt international
Dublin, 27. September 2005
Man moechte eine leere Cola-Dose hineinschmeissen, in diese abgezirkelte Ordnung. Die leere Dose als Spur von Leben inmitten der antiseptischen Rasenrechtecke begrenzt von Betonmauern und Zaeunen. Eine irische Vorstadt sieht aus wie eine Vorstadt in Australien, Singapur oder Oesterreich: amerikanisch. Wer hat diesee wahnsinnigen Einfaelle gehabt, alles gleichzumachen und alles in Quadrate zu pressen? Und warum um Himmels willen konnte diese Vision Wirklichkeit werden? Ein Virus, der sich ausbreitet und die ganze Welt mit Vorstaedten ueberzieht.
Wind und weisses Kleid

Dublin, 23. September 2005
Gerade in dem Moment als Olga das dritte mal anrief, verteilte ein kurzer, heftiger Windstoss mein Fruehstuck im gesammten Garten. Olga musste umbedingt sofort kommen, weil sie diese DVD brennen musste. Dazu brauchte sie meinen Computer.
Waehrend der Computer die DVD brannte, beschwerte sie sich ueber ihre Professoren an der warschauer Kunsthochschule. Denen hatte ihre Abschluss-Performance nicht gefallen, bei der sie sich eine rasierte Moese auf ihr weisses Kleid projezierte, um die weibliche Unschuld zu thematisieren.
Die DVD hat dann uebrigens nicht funktioniert. Ich hatte vorher schon angemerkt, dass man auf die Art, wie Olga es machen will, keine DVD brennen kann. Zumindest keine, die in einem DVD-Player laeuft. Aber ich hatte es nicht besonders nachdruecklich gesagt. Weil ich auf keinen Fall wollte, dass es so ausieht, als gehe mir Olga auf die Nerven.
Wasserflaschen auf Rasen

Sidney, 23. August 2005
Australier legen halbvolle Plastikwasserflaschen in ihre Vorgaerten. "Warum?" frage ich bloede. "Wegen der Hunde!" Ich verstehe nicht. "Weil die Hunde dann nicht in den Vorgaerten hineinpinkeln."
"Das ist ja toll," sage ich, "und das funktioniert?"
"Na offensichtlich, weil sonst wuerden es die Leute ja nicht machen."
Klar - es sieht auch ziemlich bloede aus mit all den Wasserflaschen auf dem Rasen.
Leuchtschrift
Wuensdorf-Waldstadt, 7. Juni 2005
"AUS DEN WAELDERN RUND UM DIE WALDSTADT *** PROBIEREN SIE UNSERE SELBSTGENACHTE ROTE GRUETZE *** 3,20 EURO" eine rote LED-Anzeige haengt ueber der Bar. Joerg hat mich hierhergeschickt. Eine ehemalige russische Kaserne, 40km vor Berlin, riesengross und voellig verfallen und jetzt weiss keiner, was man damit anfangen soll. Betreten verboten steht auf gelben Schildern. Und es steht auch dabei, warum. Weil die Gebaeude einstuerzen und der Wald voll ist von ungesicherten Bunkeranlagen, und Munitionsresten. Ich stapfe ziellos einen Waldweg entlang. Meine Nichte Luisa hatte gestern ihren 16. Geburtstag. Verdammt, und ich habe wieder vergessen anzurufen... Ich fummle mir mein Telefon aus der Tasche. Nachdem es aufgehoert hat zu regnen ist es heiss in meinen Motorrad-Klamotten. Kein Empfang. Der Plan ist, Ostdeutschland kennenzulernen. Mit ganz normalen Menschen sprechen. Menschen, die nicht aus meiner Welt kommen. Keine Kuenstler, Musiker, Filmemacher, Studenten. Ich moechte mit Bauarbeitern reden, Verkaeufern, Apothekern, Neonazis. Ich habe unter meinen Bekannten herumgefragt, ob jemand einen normalen Menschen in Ostdeutschland kennt. Es ist schwierig. Normale Menschen sind selten.
Kleine Spanier
Berlin-Kreuzberg, 6. Juli 2005
Es regnet in stroemen. Meine Wohnung habe ich den ganzen Juli an ein sehr junges spanisches Paerchen vermietet. Ich mag die beiden nicht besonders. Mir kommen sie so vor, als waeren sie den ganzen Weg aus Zaragoza gekommen, um endlich mal miteinander ins Bett zu gehen. Jetzt liegen sie den ganzen Tag bei offener Zimmertuer auf meinem Bett und reden tiefsinnige Gespraeche. Eigentlich suess. Aber auch so langweilig und unendlich saudoof. "Macht euch mal locker," moechte ich Ihnen zurufen, "wenn ihr weiter so verkrampft durchs Leben geht, werdet ihr nie Spass haben!" aber die beiden sprechen nur sehr schlecht Englisch, und mein Spanisch gibt es auch nicht her.
Von Hunden und Katzen
Berlin, 5. Juli 2005
"Stimmt genau!" ruft Christian, "sie ist eine Katze, und ich, ich bin ein Hund. So ein Mist, so ein gottverdammter Mist! Anja kommt immer an, wenn sie etwas braucht, aber sie kuemmert nicht, was ich will.... Ich muss mir einfach auch eine Hund-Frau suchen..." Ich ueberlege. Hund-Frauen gibt es irgendwie nicht, ich weiss nicht genau, warum. "Ich weiss auch nicht warum," sage ich, "Aber ich glaube, es gibt keine Hund-Frauen, was es gibt, sind Pferd-Frauen." "OK, es gibt keine Hund-Frauen, aber ich, ich bin ein Hund, wahnsinnig anhaenglich und treu, und total ungluecklich, wenn er weggeschickt wird." "Ja, Christian", sage ich, "du bist ein Hund!"
Wodka

Moskau, Donnerstag, 26. Juni 2005
Ich mache mir ernsthafte Sorgen. Womoeglich werde ich Alkoholiker. Soviele Faesser Bier, die ich schon getrunken habe - Schnaps mochte ich nie. Der brannte nur. Sergei Korsakow, der Ururenkel des Arztes, der das Korsakow-Syndrom benannt hat, holt uns vom Flughafen ab. Sein Freund und Autobesitzer Anton traegt einen Anzug. Er arbeitet fuer Nestle und verkauft Wasser. Wenn sein Funktelefon klingelt muessen wir still sein. Sein Chef denkt, er sitzt im Buero. Korsakow hat Schnaps geklaut. Im Kremel. Irgendwie ist er dahin gekommen. Da gab es eine Praesentation. Wie es dazu kam, hat er erzaehlt, ich habe es vergessen. Der beste Wodka, den es gibt. Der Wodka brennt nicht. Er schmeckt ganz fein.
Sommer
Berlin-Mitte, Sonntag, 30. Juni 2005
Berlin zeigt sich von seiner Schokoladenseite. Im lauen Abendlicht legt es sich vor meinen Balkon und blaesst mir sanft ins Gesicht. "Alles klar, Du bloede Kuh," denke ich "diesmal bekommst Du mich nicht wieder rum." Der naechste Flug ist bereits gebucht. Ich bin nur gekommen, ein Visum abzuholen. Die Dame bei Servisum, dem Buero, das die Visa-Angelegenheit regelt, ist berlintypisch schlecht gelaunt. Ich bin beruhigt.
Wie Vieh

NYC, Montag 20. Juni 2005
Es ist laut und es stinkt. Ab und zu laufen Ratten aufgeregt zwischen den Gleisen hin und her. Die U-Bahn in NY ist die schlimmste, die ich jemals gesehen habe. Unmengen von Menschen quetschen sich durch schmierige und verwinkelte Gaenge, ueber enge Treppen. Staendig fallen Zuege aus, Gummibaender sperren ganze Bahnsteige ab, aus den Lautspraechern droehnen unverstaendliche Durchsagen. Manchmal gibt es, wenn der Zug nicht faehrt, einen Shuttle-Bus-Service. Manchmal nicht.
Ein Schock sind die massiven Stahl-Dreh-Tueren, durch die man an einigen Stationen hindurchmuss. Es gibt sie in zwei Variationen. In schwarzem Stahl, oder die etwas modernere Edelstahl-Variante. Modell "Kerker" und Modell "Schlachthaus".
Terror
NYC, Samstag 18. Juni 2005
Das schlimmste, was man den Menschen antun kann, ist ihnen Angst zu machen. Angst macht unfrei. Tyra wohnt in Manhatten. Sie teilt sich ihre Wohnung mit einer Freundin. 2500 Dollar Miete zahlen sie im Monat. Nach 23h geht sie nicht mehr alleine auf die Strasse.
Der L-Train faehrt im Moment nachts nur bis Lorimer Street. Dann muss man in einen Shuttle-Bus umsteigen. Es dauert zwanzig Minuten, bis der Bus endlich losfaehrt. Gestern Nacht um 2h ist mir ein junges Maedchen aufgefallen. Sie war alleine unterwegs. In der Nacht faellt jedes junge Maedchen auf. Das Maedchen ist eingestiegen und hat mit allen anderen gewartet, bis der Bus losfuhr. Sie ist Graham Street ausgestiegen. Das ist ein Stopp. Man kann die Station von Lorimer Steet aus sehen.
Maedchenwohnung

Brooklyn, Montag 13. Juni 2005
Die Waende im Schlafzimmer sind lila. Ueberall haengen Fotos von ihr. Von ihr und manchmal von ihr und von ihm. Ihn kenne ich. Er heisst Daniel. Die beiden sind seit zwei Jahren verheiratet. Im Regal steht ein Buch "Elegant Wedding". Vor kuzem hat er sie verlassen. Sie hat gelogen und gestohlen, es ging nicht mehr. Jetzt macht sie eine Drogentherapie. Am Ende des Monats wird er die Wohnung aufloesen. Daniel ist froh, dass ich fuer ein paar Tage die Miete uebernehme. New York ist teuer. Daniel hat sich eine neue Wohnung gesucht. Er will nicht, dass sie ihn finden kann, wenn sie aus der Therapie entlassen wird.
Ich bin seit drei Tagen hier. Schoene Wohnung. Aber wenn ich im Treppenhaus Schritte hoere, schrecke ich auf. So viele Bilder von ihr, aber es mag kein Bild von ihr entstehen. Sie heisst Natalie. Es liegen Briefe herum. Und so wahnsinnig viel voellig belangloses Zeug. Hochglanz-Magazine, in denen die Welt der Schoenen und Reichen beschrieben wird. Ich blaettere sie durch und fuehle mich unwohl. Doeschen mit Schlankheitspillen stehen auch ueberall herum. Natalie hat 12 Jahre hier gewohnt und ist immer dicker geworden. Eine schoene Wohnung. Viele Fenster, sehr hell. Holzfussboden. Nachts um drei Uhr veranstalten Kids aus dem Haus nebenan ein Rennen mit frisierten Mopeds. Um 7 Uhr 30 weckt mich ein wummernder Bass. Dancefloor-Musik aus einer Nachbar-Wohnung. Ich habe einen sehr tiefen Schlaf. So schnell weckt mich nichts auf. Hier ist nicht ein Ort an dem die Menschen viel Ruecksicht aufeinander nehmen.
Terrorismus

Queens, 12. Juni 2005
Merkwuerdige Zeiten sind das. Merkwuerdige Gedanken hat man, wenn man ein Flugzeug am Himmel sieht. Dabei leben wir in einer friedvollen Welt. Vor kurzem stand es auf Spiegel-Online. Im letzten Jahr sind bei Terroranschlaegen weltweit 2600 Menschen ums Leben gekommen. Einschliesslich Irak. Das ist sozusagen niemand. Von BBC-World habe ich folgende Zahl: Pro Jahr sterben bei Verkehrsunfaellen ungefaehr 15 Millionen Menschen. Rein rechnerisch wird man also 5769 mal vom Auto ueberfahren, bevor man einem Terroranschlag zum Opfer faellt. Meine amerikanischen Freunde auf Kens Grillparty in Queens sind nun beruhigt.
DIN

Williamsburg, 11. Juni 2005
James hat sich einen Deckenventilator gekauft. Der Ventilator soll da hin, wo vorher die Lampe war. Ich stehe mit Rat und die Taschenlampe haltend zur Seite. Alte Pappe und Elektokabel-Isolation broeselt von der Decke. Ich habe in Berlin auch schon Altbauwohnungen renoviert. So etwas habe ich noch nicht gesehen. Nackter Draht kriecht aus dem Dunkel der Zwischendecke. Ich kann es mir nicht verkneifen: "Also der Deuschen Industrie Norm entspricht das ja wohl eher nicht", sage ich zu James, und bereue es sofort. Ich bin so ein Spiesser...
Wilde Tiere
Bela Rechka, Bulgarien, 22. Mai 2005
Ich habe einen Wolf gesehen. Und ich hatte keine Angst. Nicht weil ich mutig bin, sondern ahnungslos. Mit zwei Bulgaren lief ich die naechtliche Dorfstrasse entlang, auf dem Weg zu unserer Unterkunft. Zuerst dachten wir, es ist eine Ziege, die nachts durchs Dorf laeuft. Oder ein grosser Hund. Aber in Bela Rechka gibt es keine Hunde, die so gross sind. Der Wolf steht fuenf Meter weit entfernt am Strassenrand. Mit einer geschmeidigen Bewegung verschwindet er im Gebuesch. Ein Stueck weiter springt er wieder auf die Strasse. Er beobachtet uns. Wahrscheinlich ueberlegt er sich, ob wir essbar sind. Wir sind essbar! Im Schein der Taschenlampe glitzern seine Augen. Meine bulgarischen Freunde sind kreidebleich. Sie haben auch noch nie einen Wolf gesehen.
Auto-Meditation
Manhattan, 22. Februar 2005
Barbara wohnt in Manhatten. Wer Barbara zum Freund hat, und mit ihr mal einen Kaffee trinken moechte, muss einen Termin ausmachen. Mindestens eine Woche vorher. Das ist in der City ganz normal. "I am so busy!" heisst es am Telefon.
Barbara hat ein Auto. Es parkt auf der Strasse. Zwei mal in der Woche, 8 mal im Monat, 104 mal im Jahr wird die Strasse gekehrt. An einem bestimmten Tag in der Woche, zwischen 7 und 9 Uhr, faehrt mit riesigem Getoese das Sweeping-Car vorbei. Und Barbara sitzt in der zweiten Reihe im Auto, um ihren Parkplatz nicht zu verlieren. Und nicht nur Barbara bewacht ihrern Parklplatz. "Ach, eigentlich ist es ganz nett, man kauft sich im Corner-Shop einen Kaffee, quatscht ein bissschen mit seinen Nachbarn. Oder man kann endlich mal in der Ruhe seine Zeitung lesen".
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